Viktoria Abel: Blaues Bild (2022)
Mischtechnik: Aquarell, digitale Fotocollage und Druck
Originalmaße: 14,7 cm x 27 cm
Uraufführung des Tongemäldes Blaues Bild am 04. November 2025 im Luchs.Kino in Halle (Saale) ab 19.30 Uhr
https://wir-halle.de/events/louise-und-die-bruecken-zwischen-uns/
Die Umsetzung eines Bildes in Musik ist ein herausfordernder Prozess, bei dem visuelle Eindrücke in Klang verwandelt werden. Es geht dabei nicht darum, ein Bild einfach zu „vertonen“, sondern seine innere Struktur, seine Stimmung und seinen Ausdruck in eine zeitliche, klingende Form zu überführen. Ein Bild existiert im Raum, Musik in der Zeit – und genau dieser Übergang von räumlicher Gleichzeitigkeit zu zeitlicher Entwicklung macht den schöpferischen Reiz aus.
Am Anfang steht die Betrachtung: Farben, Formen, Lichtverhältnisse, Perspektiven und Bildkomposition. Jede Farbe kann zu einem Klang werden, jede Linie zu einer Bewegung, jede Fläche zu einem Rhythmus. Kühle Farbtöne wie das titelgebende Blau werden häufig durch tiefe Register, metallische Klänge oder elektronische Schattierungen dargestellt. Helligkeit und Dunkelheit lassen sich in Dynamik übersetzen: Helle, leuchtende Partien können durch klare, hohe Töne oder offene Akkorde in Klang übersetzt werden, während dunkle, schwere Bereiche eher in tiefen, gedeckten Klängen, oder auch in Dissonanzen oder Pausen Ausdruck finden können.
Ebenso kann die Linienführung des Bildes musikalische Entsprechungen finden. Geschwungene, organische Formen regen zu fließenden Melodien an, während kantige, gebrochene Strukturen sich in staccato Rhythmen oder unregelmäßigen Akzenten wiederfinden können. Die Komposition des Bildes – Vordergrund, Hintergrund, Balance, Symmetrie – lässt sich auch als musikalische Form denken: Hauptthema und Begleitung, Spannung und Auflösung, Ruhe und Bewegung.
Neben der visuellen Übersetzung spielt die emotionale Dimension eine zentrale Rolle. Ein Bild ruft eine bestimmte Stimmung hervor – vielleicht Melancholie, Bedrohung, Sehnsucht oder Frieden. Diese emotionale Resonanz kann der eigentliche Ausgangspunkt der Musik sein. Man könnte sich fragen: Welche Tonart, welche Intervalle, welche harmonische Sprache tragen dieselbe emotionale Qualität in sich wie das Bild? Verlangt die sakrale Architektur im Hintergrund des Blauen Bildes nach einem Kirchenlied oder Choral? Soll die Person im Bildzentrum aufgrund ihrer Kleidung eher durch Klänge, die an Pop, Rock oder Punk erinnern in die musikalische Komposition Eingang finden? Soll das Größenverhältnis zwischen ihr und dem Raum eine Rolle spielen? Oder die Betrachterperspektive?
Auf einer abstrakteren Ebene lässt sich die Struktur des Bildes musikalisch nachvollziehen. Wiederholungen, Muster oder Symmetrien können zu musikalischen Wiederholungen oder Sequenzen werden. Der Bildaufbau kann die Form des Stückes bestimmen – etwa als dreiteilige Gliederung eines Triptychons oder als allmähliche Verdichtung von Farben und Formen, die sich in der Musik als Steigerung oder Transformation spiegelt. Selbst die räumliche Tiefe eines Gemäldes lässt sich in Musik übertragen, etwa durch die räumliche Platzierung von Klängen, den Einsatz von Hall oder sich überlagernde Klangschichten.
Die Umsetzung eines Bildes in Musik gewinnt eine besondere Tiefe, wenn man sie mit dem Klang einer Kontragitarre denkt, einem oft unterschätzten Instrument, das besonders im 19. Jahrhundert und in der alpenländischen Volksmusik sowie in der Wiener Schrammelmusik eine bedeutende Rolle spielte. Im Wesentlichen handelt es sich um eine Gitarre mit einem zusätzlichen Satz von bis zu neun Bordun- oder Resonanzsaiten, die häufig über einen zweiten Hals verlaufen. Diese werden in der Regel nicht gegriffen, sondern klingen als leere, tief gestimmte Basssaiten mit.
Die Übertragung eines Bildes in Musik lässt sich als synästhetischer Akt verstehen, der den Übergang von visueller Statik zu klanglicher Temporalität vollzieht. In diesem Kontext erweist sich die Kontragitarre als ein besonders geeignetes Medium, da sie durch ihre erweiterte Klangarchitektur – mit zusätzlichen Bass- und Resonanzsaiten – eine vielschichtige, räumlich wirkende Klangtextur ermöglicht. Diese strukturelle und klangliche Komplexität eröffnet Ansatzpunkte für die Transformation bildlicher Parameter in musikalische Entsprechungen.
Kompositorisch eröffnet die Kontragitarre damit die Möglichkeit, bildhafte Eindrücke in mehrdimensionale Klangfelder zu übersetzen. Durch variable Stimmungen lassen sich harmonische Farbräume gestalten, die spezifische emotionale oder farbliche Assoziationen hervorrufen – etwa durch modale Systeme, mikrotonale Differenzierungen oder spektrale Schattierungen. So kann etwa ein helles, von Gelb dominierendes Bild durch offene Quinten und klare Obertonspektren angedeutet werden, während dunklere, gesättigte Farbflächen durch eng geführte Intervalle, tiefe Register und reduzierte Resonanz repräsentiert werden.
In einem erweiterten Sinne lässt sich die Kontragitarre somit als klangliches Analogon der Malerei begreifen: Ihr Resonanzkörper fungiert als Projektionsfläche, auf der die strukturellen, farblichen und emotionalen Qualitäten des Bildes in zeitlicher Gestalt erfahrbar werden. Das Instrument ermöglicht eine Transformation des Sichtbaren in eine akustische Topologie, in der Klangschichten und Obertöne den Bildraum substituieren. Damit wird die Kontragitarre nicht nur zum Träger eines musikalischen Materials, sondern zum epistemischen Medium zwischen Wahrnehmungsformen – zwischen Sehen und Hören, zwischen Raum und Zeit, zwischen Farbe und Klang.
